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Open Source verdient eure Liebe – Mozilla erklärt, warum

Geschätzte Lesezeit: ca. 17 Minuten

Foto von Michael Springer

von Michael Springer -

Die ganze Welt arbeitet gemeinsam an der Software von morgen. Jeder darf mitmachen, es zählt allein die Leistung: Gute Vorschläge finden den Weg ins Programm – egal, von wem sie kommen. Was traumhaft klingt, ist längst Realität und nennt sich 'Open Source'. Wir haben mit Mozilla, den Machern von Firefox, über das Prinzip gesprochen, das für ein offenes, freies und sicheres Internet steht.

Portrait von Patrick Finch (Mozilla)

Patrick Finch ist bereits seit mehr als 20 Jahren in der Tech-Industrie tätig. Bei Mozilla ist er Director of Strategy für den Bereich 'Open Innovation'.  

Quelle:

Portrait von Patrick Finch (Mozilla)

Patrick Finch ist bereits seit mehr als 20 Jahren in der Tech-Industrie tätig. Bei Mozilla ist er Director of Strategy für den Bereich 'Open Innovation'.  

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Open Source mag für den einen oder anderen ein neuer Begriff sein – Software, die mithilfe dieses Ansatzes feingeschliffen wird, hat aber jeder schon benutzt: Das Smartphone-Betriebssystem Android, das Chromium-Projekt (auf dem Googles Browser basiert), der VLC Media Player oder Mozillas beliebter Firefox-Browser, sie alle setzen auf das Prinzip offener Programmcodes. Doch Open Source ist mehr als eine Methode der Softwareentwicklung, es ist ein "Motor für das Web, der Innovation, Vertrauen und Kontrolle fördert", sagt Patrick Finch, Director of Strategy für den Bereich Open Innovation bei Mozilla.

Das Beste: Jeder, der sich im Internet bewegt, kann von diesem Motor profitieren – auch wenn er selbst vom Programmieren keine Ahnung hat. Warum Open Source für uns, die gewöhnlichen User, so viele Vorteile bietet und warum es in Zukunft immer wichtiger werden dürfte, erfahren wir bei Mozilla, die unter anderem bei der Entwicklung des Firefox-Browsers schon seit knapp 20 Jahren auf dieses Prinzip setzen.

Open Source – was heißt das eigentlich?

Software ist keine Magie, sie entsteht Schritt für Schritt. Mit tausenden, zehntausenden, manchmal hunderttausenden Zeilen Code definieren Programmierer, was eine Software kann, wie sie bedient wird und wie sie sich in bestimmten Situationen verhält. Anwender bekommen nur die äußere Hülle, die Benutzeroberfläche, dieser komplizierten Konstrukte zu Gesicht, während der Code im Hintergrund arbeitet. Im Kern besteht jede Software also aus einer einfachen Materie: aus Text.

Open Source vs. Closed Source

Open Source lädt die Community zum Teilnehmen, Weiterentwickeln und Überprüfen ein - bei Closed Source bleibt der Austausch auf ein Minimum beschränkt.

Quelle: (Michael Springer) 

Open Source vs. Closed Source

Open Source lädt die Community zum Teilnehmen, Weiterentwickeln und Überprüfen ein - bei Closed Source bleibt der Austausch auf ein Minimum beschränkt.  

Quelle: (Michael Springer) 

Wird dieser Text – man mag ihn Code, Quellcode oder Quelltext nennen – offengelegt und "unter einer Lizenz verfügbar gemacht, die es jedem erlaubt, ihn zu kopieren, zu verändern und zu nutzen", so Finch, nennt man die Software Open Source. Anwender können alle Befehlszeilen des Programms durchleuchten, anpassen oder für eigene Projekte umformen. Es gibt kein "Betriebsgeheimnis". Bleibt der Code hingegen unter Verschluss, spricht man von 'Closed Source' (etwas umständlicher auch von 'proprietary software').

Eine Idee, verschiedene Etiketten?

Der Begriff 'Open Source' wird oft gleichgesetzt mit 'Freier Software' - ganz richtig ist das nicht. Letztlich verliert sich die Diskussion allerdings in Details, die für den Anwender kaum wahrnehmbar sind.

Bei Open-Source-Software ist jeder eingeladen, das Programm freiwillig mitzugestalten oder Verbesserungsvorschläge einzureichen. Anders als bei herkömmlicher, "geschlossener" Software, wo feste Teams von Entwicklern allein an einem Programm werkeln, ermöglichen Open-Source-Projekte zusätzlich die flexible Mitarbeit von hunderten Codern weltweit. Das geschieht meist auf speziellen Entwicklungsplattformen – allen voran GitHub –, mit denen sich der gesamte Bearbeitungsprozess öffentlich dokumentieren und kommentieren lässt.

Open Source steht für klare Ideale: Frei verfügbare Software, transparent und nachvollziehbar entwickelt, von den Usern, für die User. Diese Offenheit und Zugänglichkeit bringt gewichtige Vorteile mit sich, birgt aber auch Probleme.

Alle Karten auf den Tisch!

In den letzten Jahren wuchs im Netz die Sorge um den Datenschutz und die Wahrung der Privatsphäre – die beiden Themen sind allgegenwärtig. Wann immer wir online mit sensiblen persönlichen Daten hantieren, setzen wir uns gefühlt einem Risiko aus. Deshalb möchte jeder Anwender die Kontrolle darüber haben, welche Informationen er preisgibt und wohin diese fließen. Weil das bei so manchem Portal oder Programm nicht wirklich klar ersichtlich ist, sind viele User misstrauischer geworden.

Portrait von Barbara Bermes (Mozilla)

Barbara Bermes ist als Senior Product Manager bei Mozilla für die mobilen Firefox Apps zuständig. Im Mittelpunkt stehen für Barbara immer die Nutzer und ihre Bedürfnisse, die sie als Ausgangspunkt der Produktentwicklung betrachtet.  

Quelle:

Portrait von Barbara Bermes (Mozilla)

Barbara Bermes ist als Senior Product Manager bei Mozilla für die mobilen Firefox Apps zuständig. Im Mittelpunkt stehen für Barbara immer die Nutzer und ihre Bedürfnisse, die sie als Ausgangspunkt der Produktentwicklung betrachtet.  

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Mozilla hat auf diese Skepsis eine Antwort: Transparenz – und zwar in Form von Open Source. Weil "der Code frei zugänglich ist, kann ihn sich jeder im Detail ansehen, was ihn für alle Nutzer vertrauenswürdiger macht", hält Barbara Bermes, Senior Product Manager für die mobilen Firefox-Apps, fest. Diese Offenheit erlaubt keine Geheimnisse, keine Hintertürchen. Denn findige User können Änderungen, die am Code der Software vorgenommen werden, selbst überprüfen – und das machen sie auch.

Wer vom Programmieren nichts versteht, und das ist die große Mehrheit, der kann sich also auf versierte Mitnutzer verlassen. Diese Gewissheit beruhigt: Transparenz schafft Vertrauen.

Schwachstellen schneller aufspüren

Was für die Transparenz gilt, leuchtet auch für Schwachstellen und Sicherheitslücken im Code ein: 1.000 Augen sehen mehr als 100. Welchen Standpunkt Mozilla in dieser Hinsicht vertritt, daran lässt Bermes keinen Zweifel: "Wir glauben, dass der Open-Source-Ansatz der beste Weg ist, um sichere Produkte herzustellen."

Gemeinsame Suche nach Bugs und Sicherheitslücken in Open-Source-Projek

In Open-Source-Projekten kann ein Heer von Freiwilligen gemeinsam nach Bugs und Schwachstellen im Code suchen.

Quelle: (Michael Springer) 

Gemeinsame Suche nach Bugs und Sicherheitslücken in Open-Source-Projek

In Open-Source-Projekten kann ein Heer von Freiwilligen gemeinsam nach Bugs und Schwachstellen im Code suchen.  

Quelle: (Michael Springer) 

Die Open-Source-Herangehensweise lädt jedenfalls viele helfende Hände ein – nach eigenen Angaben beteiligen sich daran neben Laien auch Security-Spezialisten und Sicherheitsforscher. Die Schar der freiwilligen Programmierer arbeitet nicht nur daran, bestehende Lücken aufzuspüren, sondern wirkt auch daraufhin, diese möglichst schnell zu schließen. Weil Open-Source-Software flexibel aktualisiert werden kann, kommt ein Sicherheitsupdate so mitunter sogar zügiger beim User an als bei herkömmlicher Software.

Mozilla geht noch einen Schritt weiter: Wer bedeutende Schwachstellen findet, wird dafür entlohnt. "Wir betreiben ein sogenanntes 'Bug-Bounty'-Programm für Schwachstellen in Firefox – unabhängig davon, wie sie gefunden werden", so Bermes. Bugs werden also nicht unter den Teppich gekehrt, im Gegenteil: Die User werden aktiv dazu ermuntert, sie ausfindig zu machen.

Eine Einladung für Angreifer?

Der Sicherheits-Spieß lässt sich allerdings auch umdrehen. Weil der gesamte Programmcode offenliegt, könnten auch potenzielle Angreifer ihn durchforsten, um Sicherheitslücken zu enttarnen – ohne sie anschließend zu melden. Steigert Open Source so nicht eher das Gefahrenpotenzial, statt es zu mindern?

Offenheit hilft dabei, Schwachstellen zu identifizieren und zu beheben, noch bevor sie ausgenutzt werden.

Patrick Finch wiegelt ab: "Es gibt diesbezüglich zwei Philosophien: Entweder kann man darauf setzen, Bugs zu finden und Sicherheitslücken schnell zu beheben oder man verlässt sich darauf, dass die Leute nichts von ihnen erfahren. Wir haben keinen Einblick in die Bugfix-Raten geschlossener Software, sind aber überzeugt davon, dass Offenheit dabei hilft, Schwachstellen zu identifizieren und zu beheben, noch bevor sie ausgenutzt werden."

Gerade im Angesicht der jüngsten Cyberangriffe 'WannaCry' und 'Petya', die bekanntgewordene Sicherheitslücken in älteren Windows-Systemen ausnutzten, scheint dieser Gedankengang nachvollziehbar. Ob die beiden Schadprogramme in Open-Source-Systemen ähnlich "erfolgreich" gewesen wären, darf zumindest in Frage gestellt werden.

"Es ist ein Wettbewerbsvorteil"

Überprüfen, absichern, warten – Open Source optimiert Software für alle User, ob sie programmieren können oder nicht. Doch in dem Prinzip steckt noch viel mehr: Wie so oft im Leben wird es dann ein kleines bisschen magisch, wenn wir bekannte Pfade verlassen und uns neuen Zielen widmen. Mit Open Source lassen sich Programme nicht nur pflegen und instand halten, sondern weiterentwickeln oder gar neu erschaffen – und in dieser Stoßrichtung schlummert großes Potenzial.

Portrait von Dominik Strohmeier (Mozilla)

Dr. Dominik Strohmeier ist als Staff Product Manager bei Mozilla für Platform Metrics & Insights zuständig. Er ist bereits seit 2013 für Mozilla in Deutschland tätig.  

Quelle:

Portrait von Dominik Strohmeier (Mozilla)

Dr. Dominik Strohmeier ist als Staff Product Manager bei Mozilla für Platform Metrics & Insights zuständig. Er ist bereits seit 2013 für Mozilla in Deutschland tätig.  

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Wenn sich Entwickler und Enthusiasten weltweit zusammenschließen, um gemeinsam an einer Idee, einer Vision zu arbeiten, zeigt Open Source seine schöpferische Kraft: Aus den Bedürfnissen und Vorstellungen der User formt sich eine Software nach Maß. Sozusagen von den Usern, für die User. Zugegeben: Das klingt idealisiert und überspitzt, ist aber im Grunde richtig.

So entstehen Programme, die sich vor ihren kommerziellen Konkurrenten nicht verstecken müssen: Das Office-Paket 'LibreOffice', die Grafikprogramme 'GIMP' und 'Blender', der Media Player 'VLC' oder der Code-Editor 'Atom' gehören ohne Frage zu den Besten ihrer Art – und erfreuen sich einer stetig wachsenden Gefolgschaft.

Offenheit bringt viele Chancen

Dass eine aktive Open-Source-Community eine beachtliche Dynamik entfalten kann, haben auch viele Unternehmen und Organisationen erkannt. 'Open Innovation' nennt sich diese Öffnung für Impulse, Ideen und Vorschläge von außen, die nicht auf Software beschränkt bleiben muss, sondern auch andere Bereiche einbeziehen kann.

So findet ihr Open-Source-Software

Einfach auf OpenSourceAlternative.org den Namen einer kommerziellen Software eingeben und schont spuckt das Portal euch zahlreiche Open-Source-Alternativen aus.

"Bei Mozilla sind wir überzeugt davon, dass ein offenes Vorgehen und die Einbindung von Außenstehenden zu besseren Programmen, Produkten und Technologien führen", sagt Dr. Dominik Strohmeier – er ist Staff Product Manager für Platform Metrics & Insights bei Mozilla. Für ihn ist klar: "Es ist ein Wettbewerbsvorteil." Die Vielfalt der verschiedenen Sichtweisen und Perspektiven sei eine enorme Chance für Open-Source-Software und ihre Nutzer.

Open Source lässt sich als Netzwerk verstehen, das flexibel auf Anforderungen reagieren und Ziele erreichen kann – sei es beim Schließen von Schwachstellen im Code oder bei der Gestaltung neuer Features und Funktionen. "Jeder, der diese Art von Software nutzt und entwickelt, kann vom Input dieses großen Netzwerks profitieren", meint Finch. Open Source lebt von seinen Teilnehmern und Mozilla sei "sehr froh", sagt Senior Produkt-Managerin Bermes, "so lebendige, weltweit aktive Communitys von Entwicklern und anderen Freiwilligen zu haben".

Nur: Was bringt die freiwilligen Helfer eigentlich dazu, ganz ohne Aussicht auf Bezahlung, ihre Freizeit in die Verbesserung von Software zu investieren?

Open Source als Ideal

Anscheinend ist es vor allem die Überzeugung, das Wichtige und Richtige zu tun. "Für unsere Entwickler- und netzpolitisch aktiven Communitys ist die Mission, für die Mozilla steht, tatsächlich ein enormer Motivationsfaktor: sicherzustellen, dass das Internet eine weltweit öffentlich zugängliche Ressource bleibt", versichert uns Bermes.

Das sind die Wurzeln der Mozilla-Mission.

Weil Open-Source-Software im Regelfall kostenlos zur Verfügung steht, reißt sie finanzielle Hürden für potenzielle User ein – nicht jeder hat das Geld, sich leistungsstarke, aber teure Software kaufen zu können. Idealistisch gesprochen gebietet es der Anspruch an Gerechtigkeit und Chancengleichheit, dass allen Menschen, unabhängig von ihrem Einkommen oder ihrer Herkunft, der Zugang zu den Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten des Internets ermöglicht wird.

Große Aufgaben für die Freizeit

Kaum jemand kann sich aber in seinem regulären Job einer ähnlichen Mission verschreiben, geschweige denn sie aktiv nach vorne treiben. Viele nutzen daher ihre Freizeit, um sich freiwillig an Open-Source-Projekten zu beteiligen und dieses Ideal voranzutreiben. Nach den Angaben von Mozilla ist das Feld der Helfer dabei bunt bestellt – vom Zahnarzt bis zum Traumforscher.

Ihr wollt mitmachen?

Mozilla zeigt euch, an welchen Stellen ihr helfen könnt und was ihr dafür draufhaben müsst.

Auch wer nicht programmieren kann, wird zur Mitarbeit ermuntert. Bei der Übersetzung von Programm- und Hilfstexten haben technisch weniger versierte Nutzer etwa die Möglichkeit, ihren Teil beizutragen. Bermes erklärt die Zielsetzung: "Mozilla möchte all denen einen Platz bieten, die unsere Ziele teilen und innerhalb der Communities in gesunder und konstruktiver Weise mitwirken möchten – unabhängig von ihrem Hintergrund und ihren Fähigkeiten." Jeder so gut er kann also.

Darüber hinaus haben einige Entwickler ganz einfach Spaß daran, an Programmen zu feilen und Funktionen feinzuschleifen, besonders wenn sie die Software selbst nutzen. Für sie ist das Open-Source-Coden entspannender Freizeitspaß und kostenlose Weiterbildung zugleich. Schließlich macht sich das Engagement in namhaften Open-Source-Projekten auch im Lebenslauf nicht schlecht.

Bei aller Motivation müssen die vielen helfenden Hände dennoch einem gemeinsamen Plan folgen – sonst droht Chaos. Sprichwörtlich verderben zu viele Köche jedenfalls den Brei. Damit Open-Source-Programmen kein solches Schicksal blüht, braucht es klare Strukturen.

Offen, aber nicht ohne Hierarchie

Wie das aussieht, macht Finch deutlich: "Es ist wichtig zu wissen, dass Open Source kein riesiges Durcheinander ist – es braucht klar festgelegte, starke Entscheidungsträger, die von den Communitys respektiert werden." Der Open-Source-Ansatz mag sich zwar der Offenheit und Transparenz verpflichten, eine gewisse Hierarchie ist aber unabdingbar. Wer schon mal an einem Projekt gearbeitet hat, in dem Kompetenzen nicht eindeutig verteilt sind, der weiß: Es funktioniert nicht.

"Wir haben ein klares System für die Entscheidungsfindung in Projekten mit definierten Verantwortlichen. […] Es gibt Produktmanager und leitende Entwickler für Firefox wie für jedes 'normale' Produkt auch." So stellt Mozilla sicher, dass die Software einer Linie treu bleibt, einem übergeordneten Konzept folgt – dazu müssen verschiedene Teams zusammenarbeiten.

Organisation von Open-Source-Projekten

Open Source funktioniert nicht nach dem "Jeder-darf-mal"-Prinzip".

Quelle: (Michael Springer) 

Organisation von Open-Source-Projekten

Open Source funktioniert nicht nach dem "Jeder-darf-mal"-Prinzip".  

Quelle: (Michael Springer) 

"Als Produktmanagerin sorge ich zusammen mit unserem UX- (User Experience, Anm. d. Red.) und Entwickler-Team dafür, dass Patches und Anfragen mit den vorher beschlossenen Produktzielen sowie unserer Mission im Einklang stehen", erklärt Bermes. Kleinere Open-Source-Projekte können häufig nicht auf so breitgestreute Kompetenz zurückgreifen. Einen Feinschliff, wie man ihn von großen Open-Source- oder kommerziellen Produkten gewohnt ist, erreichen sie nur selten.

Nicht alles, was beigesteuert wird, schafft es letztlich auch in das Produkt.

Etwa 200 bis 300 Menschen steuern jedenfalls regelmäßig Code direkt für den Firefox-Browser bei. Allerdings ist das Projekt in verschiedene Bereiche aufgeteilt: Für 'Gecko', die Render-Engine, die Firefox zur Website-Darstellung nutzt, engagieren sich noch mehr Freiwillige. Bezieht man alle Mozilla-Projekte mit ein, alle Übersetzer, Event-Organisatoren, Beta-Tester und andere Supporter, kommt ein riesiger Pool aktiver Helfer zusammen. Bei so viel Input muss genau sondiert und ausgewählt werden. Es müssen auch mal Vorschläge draußen bleiben, stellt Finch klar: "Nicht alles, was beigesteuert wird, schafft es letztlich auch in das Produkt."

Der Open-Source-Ansatz verschreibt sich zwar hohen Idealen und möchte, überspitzt formuliert, das Internet zu einem besseren Ort machen. Er hat jedoch mit ganz alltäglichen Problemen zu kämpfen: Nicht alles läuft nach Plan, nicht jeder bekommt seinen Willen und ganz ohne Geld geht es auch nicht.

Die andere Seite der Medaille

Allein mit Freiwilligen lassen sich umfangreiche Software-Projekte kaum umsetzen und beständig aktualisieren. Mozilla setzt bei der Entwicklung von Firefox daher auf einen Kern von festangestellten Entwicklern – und die wollen natürlich bezahlt werden. Gemäß der Mozillia-Mission ist der Verkauf des Programms aber keine mögliche Einnahmequelle.

Jeder Euro hilft

Mozilla kann sein Budget damit zwar nicht bestreiten, aber viele kleinere Open-Source-Projekte überleben durch Spenden. Via PayPal oder Patreon könnt ihr den Entwicklern so helfen, Server- und andere Fixkosten zu decken.

Andere Open-Source-Projekte – zum Beispiel diverse Linux-Distributionen – setzen deshalb auf bezahlte Dienstleistungen: Während das Produkt, also das Programm selbst, kostenlos angeboten wird, sind individueller Support und spezielle Services kostenpflichtig. Mozilla hat mit Firefox einen anderen Weg eingeschlagen: Große Suchmaschinenanbieter zahlen dafür, dass sie in den länderspezifischen Varianten des Browsers als Standard-Suchmaschine voreingestellt sind. Nach Mozillas Angaben fließen alle Einnahmen direkt zurück in die Weiterentwicklung und Instandhaltung des Browsers.

Einigen Usern stößt das trotzdem sauer auf, weil es scheinbar im Widerspruch zu Mozillas Mission steht – denn eine vorausgewählte Suchmaschine würde die Möglichkeit der freien Entscheidung behindern. Diese Kritik wiegt aber nicht wirklich schwer, schließlich lassen sich die Suchmaschineneinstellungen ohne Probleme den eigenen Vorstellungen anpassen. Wirklich eingeschränkt wird also niemand.

Auch Open Source scheitert

Wenn es durch Einnahmen aus solchen Kooperationen möglich ist, eine Software wie Firefox auf dem aktuellen technischen Stand zu halten, geschieht das letztlich im Interesse der User. Kleinere, rein freiwillige Open-Source-Projekte laufen jedenfalls Gefahr, wegen mangelnder Beteiligung ein jähes Ende zu finden. Kürzlich ereilte den beliebten MPC-HC Media-Player offenbar ein ähnliches Schicksal. Es kann für Open-Source-Software also problematisch werden, wenn versierte Entwickler fehlen.

Screenshot vom Firefox OS

Open Source ist kein Erfolsgarant: Firefox OS konnte die ambitionierten Versprechen nicht einlösen.  

Quelle: (2015Renaissance)  via Wikipedia Lizenz: CC BY-SA

Screenshot vom Firefox OS

Open Source ist kein Erfolsgarant: Firefox OS konnte die ambitionierten Versprechen nicht einlösen.  

Quelle: (2015Renaissance)  via Wikipedia Lizenz: CC BY-SA

Außerdem kann es auch in Open-Source-Projekten dazu kommen, dass falsche Entscheidungen getroffen oder technische Entwicklungen verspätet aufgegriffen werden. Mozilla ist keine Ausnahme: Das Mobile-Betriebssystem Firefox OS schürte große Erwartungen, die es aber nie erfüllen konnte – die Entwicklung ist mittlerweile komplett eingestellt worden. Auch beim Desktop-Browser gab es Hänger. Während der Konkurrent Chrome schon frühzeitig auf die Vorteile der Cloud, also die Synchronisierung der Userdaten über mehrere Geräte, und eine 64-bit-Unterstützung setzte, wurden diese Features bei Firefox lange stiefmütterlich behandelt.

In einigen Bereichen hat Open-Source-Software darüber hinaus weiterhin einen schweren Stand. Besonders bei der Bild- und Videobearbeitung sind die Unterschiede evident: Platzhirsche wie Adobes 'Photoshop' oder 'Premiere' dominieren das Feld. Open Source bietet zwar Alternativen wie 'GIMP' und 'OpenShot' – um auf Augenhöhe mit der kommerziellen Konkurrenz zu kommen, fehlen ihnen allerdings einige Prozentpunkte.

Aus ideeller Sicht mag Open Source uneingeschränkt begrüßenswert sein, in der Praxis der Entwicklung anwenderorientierter Software muss das Prinzip allerdings auch einige Hürde überwinden.

Und was heißt das nun alles?

Open Source kennt einen großen Gewinner: uns, die gewöhnlichen User. Wir dürfen uns beteiligen, wir müssen nicht – wir haben die Freiheit der Entscheidung. Von den Vorzügen profitieren wir in jedem Fall:

  • Mehr Transparenz: Open-Source-Software spielt mit offenen Karten. Jeder, der Interesse am Quellcode eines Open-Source-Programms hat, kann ihn einsehen. Alle Bestandteile, alle internen Funktionen solcher Software liegen offen und werden von freiwilligen Entwicklern weltweit überprüft – für versteckte Hintertürchen und Datenlecks bleibt da kein Platz. Wenn euch Datenschutz und Überprüfbarkeit wichtig sind, seid ihr mit Open-Source-Software gut beraten. Die tut nur, was sie soll, und nichts anderes.

  • Mehr Sicherheit: Gemeinsam sind wir stark – das mag banal klingen, trifft für Open-Source-Software aber zu. Denn die Vielzahl der Freiwilligen überprüft nicht nur die Funktionsweise der Software, sondern durchkämmt den Programmcode außerdem nach Sicherheitslücken und Schwachstellen. Der Rest ist simple Logik: Je mehr versierte Augen den Quelltext scannen, desto mehr Fehler werden gefunden. So werden Mängel in Open-Source-Software kontinuierlich aufgespürt und behoben.

  • Mehr Vielfalt: In jeder Perspektive kann eine Bereicherung stecken. Open-Source-Projekte laden Entwickler aus der ganzen Welt zur Teilnahme ein und holen sich so die verschiedensten Betrachtungsweisen ins Boot. Diese gebündelte Kreativität kann neue Wege und Lösungen finden, die fest formierten Teams vielleicht verborgen geblieben wären. Je mehr Ideen, desto besser.

  • Mehr Gerechtigkeit: Open-Source-Software steht im Regelfall kostenlos zur Verfügung – unter bestimmten Lizenzen kann sie sogar verändert und für die eigenen Zwecke angepasst werden. Sie gewährt allen Usern, unabhängig von Vermögen und Herkunft, die gleichen Rechte und Möglichkeiten. Open Source steht für Offenheit, Zugänglichkeit und Selbstbestimmung.

  • Nichts ist perfekt: Open Source lebt von der Beteiligung – fehlen Programmierer, können Projekte zum Erliegen kommen. Außerdem mischt Open Source nicht in allen Software-Bereichen an der Spitze mit. Besonders bei der Bild- und Videobearbeitung dominieren kommerzielle Platzhirsche.

Ein bisschen Software-Romantik

Das Internet verbindet uns mit Menschen auf der ganzen Welt, es liefert uns Wissen so schnell und einfach wie nie zuvor. Diese Möglichkeiten können, dürfen, sollten wir nutzen, um gemeinsam an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Open Source ist ein Weg dorthin. Ja, das klingt kitschig – aber manchmal klingt die Wahrheit eben kitschig.

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